Geschichte der Walldürner Juden

 

                    Von Walter Gramlich

                    Studiendirektor i.R.

 

Die ersten urkundlichen Erwähnungen von Juden im Gebiet des badischen Frankenlandes liegen aus der ersten Hälfte des 13. Jh. vor: Neben Wertheim, Grünsfeld, Lauda und Tauberbischofsheim gehört auch Walldürn zu den ältesten jüdischen Niederlassungen dieses Raumes. Nach dem Übergang der Eigentumsrechte an das Erzstift Mainz (1. Mai 1294) übernimmt der Fürstbischof als neuer Territorialherr die Pflichten des Schirmherrn der Juden, wird ihr oberster Richter und zieht auch die entsprechenden Abgaben ein.

Die jüdische Minderheit lebt jedoch  gefährlich, besonders in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Umstrukturierung:

 1298 wird Dürn durch die Scharen des Ritters Rindfleisch aus Röttigen a. d. Tauber heimgesucht und erscheint in hebräischen „Memorbüchern“ als eine der „hadumin“, der Blutstädte.

1335/37 ist es der heruntergekommene Ritter Arnold von Uissigheim, der als „König Armleder“ den Tod Jesu an seinen angeblichen Mördern, den Juden, zu rächen vorgibt. Auch die Judengemeinde von Walldürn ist betroffen.

1348/49, als die Pest über Europa hereinbricht, richtet sich die Bevölkerung mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung erneut gegen die Juden. Diesem Wüten fällt die kleine Judengemeinde von Dürn wiederum zum Opfer.

Doch schon wenige Jahre später sind wieder Juden in der Stadt anzutreffen, wie Schutzbriefe bezeugen. Als sich 1346 die Städte des Mainzer Oberstiftes, zu denen auch Dürn zählt, zum sog. Neun-Städte-Bund zusammen schließen, erhalten die Juden ein Privileg (1378), das sie vor willkürlicher Steuer und Bede schützt. Diese Periode der Duldung wird jedoch im 15. Jh. jäh unterbrochen, als Erzbischof Adolf II. von Nassau 1470 die Ausweisung aller Juden aus dem Mainzer Erzstift verfügt.

Aus den folgenden 230 Jahren ist uns über das Schicksal der jüdischen Gemeinde Walldürn fast nichts überliefert; ihre Seelenzahl dürfte zu klein gewesen sein, als dass sie in der Geschichte der Stadt besonders aufgefallen wäre. Mit der Aufstellung der Walldürner Schutzjuden und ihrer Abgaben zwischen 1700 und 1805 wird deutlich, dass die Judengemeinde im 18. Jh. anwächst, was zur Einrichtung eines Betsaales und einer „Mikwe“, eines Reinigungsbades führt. Die Toten werden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Bödigheim bestattet. 1815 erhält die jüdische Gemeinde mit Nathan Abraham Kahn den ersten gewählten Judenvorsteher. Ihre Personenzahl bleibt mit 23 bis 37 Seelen eher bescheiden. 1862 erhalten die Juden Badens die volle bürgerliche Gleichberechtigung. In der Folgezeit fassen jüdische Mitbürger auch im Geschäftsleben der Stadt Fuß (Eisenwarenhandlung, Gasthaus, Trikotagen- und Wollwarengeschäft, Stoff- und Viehhandlung).

Dieses bürgerliche Miteinander wird durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft jäh unterbrochen. Immer deutlichere Diffamierungen und Bedrohungen führen 1937/38 zu Wegzügen und Auswanderungen; am 8. November 1937 wird die jüdische Gemeinde aufgelöst.

 Als am 22. Oktober 1940 die Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs in Frankreich deportiert werden, fallen auch die letzten drei in Walldürn verbliebenen jüdischen Familien der nationalsozialistischen Gewalt und Willkür zum Opfer. Wer die unmenschlichen hygienischen Bedingungen des Lagers nicht mit dem Leben bezahlen musste oder ihnen entkommen konnte, gerät im Spätjahr 1942 in den tödlichen Sog der von Heydrich und Eichmann perfektionierten „Endlösung“ in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Lublin-Maidanek.

Auf Beschluss ihres Gemeinderates vom 16. Oktober 1989 hat die Stadt Walldürn das Gedenken an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger durch eine Tafel zum Ausdruck gebracht, die am Haus „Zunftgasse 3“, dem ehemaligen Betsaal der jüdischen Gemeinde, angebracht wurde.